Mittwoch, 31. Juli 2019

Drogenkrieg in Mexiko: Wie sieht es nach dem Ende des "El Chapo" aus?

Joaquin Guzman Loera, bekannt als el Chapo (der Kurze), ist aus dem Verkehr gezogen und sitzt diesmal im ADX Gefängnis der maximalen Sicherheit im US-Bundesstaat Colorado. Er wird dort bis zum Ablauf seines natürlichen Lebens wohl bleiben. Damit ist im mexikanischen Drogenkrieg zwar eine Ära von besonderer Grausamkeit zu Ende, doch eine andere fängt an. Neue Spieler sind nachgerückt und haben den Platz eingenommen, der mit der Verhaftung von el Chapo frei wurde, viel zu verlockend ist die Aussicht auf die riesigen Gewinne des Drogengeschäftes. Und für in Mexiko tätige Firmen hat sich auch nichts geändert, bezüglich Entführungen von Managern, Bestechungen, Erpressung und sonstigen Verbrechen.

Diesen Monat, am 17. Juli, wurde el Chapo, als Chef des Sinaloa Kartells zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er bereits im Februar in 10 ihm vorgeworfenen Fällen schuldig gesprochen wurde. Er wurde daraufhin umgehend in das Hochsicherheitsgefängnis in Florence, Colorado, verlegt. Zwar hat er eine lange Tradition im Ausbrechen von mexikanischen Gefängnissen, doch wird ihm das nun nicht mehr gelingen.

Mit dem Ausscheiden, einer der schlimmsten Verbrecher der Welt, ist der mexikanische Drogenkrieg natürlich nicht beendet und daher gibt es wie gewohnt die blutigen Szenen, eines mit absoluterer Brutalität geführten Kartellkampfes. Das tut der Ökonomie des Landes keinen Gefallen, hinzu kommt ein Nicolas Maduro wohlgesonnener Präsident,  Andres Manuel Lopez Obrador (AMLO), der mit seinen Vorstellungen roter Voodoo-Ökonomie der Wirtschaft zusätzlich schadet und sich weigert einzugestehen, dass es in Mexiko eine Rezession gibt. 

Die Mythen um das organisierte Verbrechen


Nachdem Guzman nun diesen Monat verhaftet wurde, tauchten diverse Publikationen in den Medien auf, die von der Kommunistischen Partei Mexikos lanciert wurden, in denen eine merkwürdige Szenerie skizziert wurde, dass es besser gewesen wäre, wenn das US-Gericht Guzman frei gesprochen hätte. Dies geschah mit der Begründung das er weniger brutal gewesen sei, als die neue Generation der Machthaber von Sinaloa. Ein freier Chapo würde die Gewalt in Mexiko mildern. Hier wird der alte Mythos weitergesponnen, dass Guzman ein Gentleman-Krimineller gewesen sei, der eher einem modernen Robin Hood ähnelt. Tatsächlich ist das ein modernes Märchen das insbesondere die unteren intellektuellen Kreise des Volkes beherrscht.

Mit der Realität hat das allerdings rein gar nichts zutun. El Chapo folterte und tötete mit eigener Hand zum Vergnügen Hunderte Menschen. Er entfaltete eine Brutalität und Rücksichtlosigkeit, wie sie bis dahin unbekannt war in der mexikanischen Kriminalistik und wahrscheinlich weltweit.

Guzman begann 1989 einen Krieg gegen das Tijuana Kartell, das von AFO (Arellano-Felix-Organisation) geführt wurde. Dies führte zu einem blutigen Kampf an der Pazifikküste Mexikos, dem auch ein Erzbischof zum Opfer fiel, weil man dessen Wagen versehentlich mit dem von Guzman verwechselte. Im Zuge dieses Krieges drang Guzman nach Guatemala vor und baute Allianzen auf mit dem Mendoza Clan, der dortigen Hand des Medellin-Kartells und mischte sich in den Wahlkampf ein, in dem er diverse Politiker wie Alvaro Colom und Manuel Baldizon förderte. 1993 wurde Guzman in Guatemala festgenommen und an Mexiko ausgeliefert, wo man ihn zu 20 Jahren Gefängnis verurteilte, was aber an seinen kriminellen Tätigkeiten nichts änderte, die er vom Gefängnis aus weiterführte. Dies ging bis Januar 2001 gut, dann floh er.

2003 wurde Osiel Cardenas Guillen, der Anführer des Golfkartells, verhaftet. Guzman sah seine Gelegenheit gekommen, den lukrativen Schmuggelkorridor Nuevo Laredo dem Golfkartell wegzunehmen und löste einen weiteren Kartellkrieg gegen das Golfkartell und den sich von diesem abspaltendem Zetas aus, die aus einer Spezialeinheit guatemaltekischer Elitesoldaten sich formierte, die eigentlich als Auftragskiller des Golfkartells tätig war. Pro Tag starben mehr Menschen als im Irakkrieg, sodass der damalige Präsident Vincente Fox Militär und Bundespolizei einschaltete. Guzman konnte die Stadt Nuevo Laredo nie unter Kontrolle bringen, doch er nahm ihnen einige ihrer westlichen Territorien ab. Zwischen 2007-10 führte er einen Kampf um Tijuana und 2008-12 um Juarez.

2011 kam es dann zum Bruch zwischen Los Zetas und Golfkartell, mit einem Blutbad. El Chapo sah umgehend die Chance dies auszunutzen. Er gründete zur Täuschung eine Gruppe MATA ZETAS (Zetas Töter), wohinter sich tatsächlich das Kartell von Jalisco (Cartel de Jalisco Nueva Generacion [CJNG]) verbarg, die Veracruz übernehmen wollten.

Guzman war also nie ein Gentlemann-Krimineller, der Gewalt vermied, sondern das ganze Gegenteil, er entfachte die brutalsten Bandenkriege der mexikanischen Geschichte.

Balkanisierung Mexikos


Eine weitere Taktik, um solche Typen wie Guzman zu verteidigen, ist es die drohende Balkanisierung zu beschwören, die von solchen Groß-Mafiosos wie Guzman verhindert wird. Dieses Manöver konnte man schon beim Tod von Pablo Escobar in Kolumbien beobachten. 

Der Glaube ist bei sehr naiven Zeitgenossen zu finden, die sich einbilden diese Kartelle seien eine straffe Organisation, eine homogene Gemeinde in der eine harmonische Eintracht herrscht. Die Verwendung des Begriffs Kartell gibt dabei der Vorstellung einer Organisation im zivilgesellschaftlichen Sinn Auftrieb. Doch die Mafiosi verstehen sich keineswegs als Kartell, der Begriff kommt von den Drogenfahndern um ein Gefüge von regelmäßig gemeinsam agierenden Seilschaften zu beschreiben, nur um nicht immer die Vielzahl von Verbindungen aufzählen zu müssen. Doch innerhalb dieser Kartelle geht es um sehr viel Geld und Macht. Und innerhalb dieser Strukturen finden sich viele Soziopathen und Narzissten. Es besteht immer die Gefahr von seiner eigenen Seite herausgefordert zu werden und inneren Streitikeiten, wozu schon der bloße Verdacht ausreicht jemand habe sich mehr angeeignet, als ihm zusteht. Und so geschah es, dass sich 2008 Guzmans Todesschwadron Beltran Leyva Organisation (BLO), die Nuevo Laredo hätten erobern sollen, gegen Sinaloa wendeten. Und als Ignacio Coronel Villarreal, alias Nacho, im Jahr 2010 vom mexikanischen Militär getötet wurde, stieg dessen Milenio-Kartell aus dem Sinaloa-Verbund aus. Vom Milenio spaltete sich dann das schon erwähnte CJNG ab und verbündete sich kurzzeitig mit Guzman, um die Los Zetas in Veracruz zu bekämpfen. Ende 2012/Anfang 2013 trennten sie sich jedoch endgültig von Sinaloa. Soweit also zu den Vorstellungen, das Guzman den Balkanisierungstrend hätte aufhalten können.

Die diesen Trend bestimmenden Faktoren sind Gier nach Geld und Macht, und sind viel stärker als die Möglichkeiten einer Einzelperson, insbesondere wenn diese bestimmenden Glieder eben selbst Narzissten und Soziopathen sind und eben nicht "ein netter Typ von nebenan". Noch schlimmer wenn dann noch andere geistigen Störungen auftreten, wie etwa das zu Sinaloa gehörende Templerkartell, deren Mitglieder im Gewand der Tempelritter mit Schwert sich an einer Tafelrunde treffen, Freimaurer durch Riten imitieren und die Weltherrschaft planen, als halten sie sich für Pinky & Brain.

Es ist richtig, dass Personen wie Juan Garcia Abrego, der Gründer des Golfkartells, und Miguel Angel Felix Gallardo, der "Pate" des Guadalajara-Kartells, maßgeblich zur Veränderung der Beziehungen zwischen mexikanischen Kartellen und ihren kolumbianischen Amtskollegen beigetragen haben. Es gelang ihnen, die Rolle mexikanischer Kartelle von einfachen Laufburschen, die einen kleinen Teil der durch Mexiko geschmuggelten Gewinne kolumbianischer Kartelle erhielten, gegenüber vollwertigen Partnern zu stärken, die einen gleichen Teil der Gewinne erhielten. Die gewaltigen Gewinne, die der Kokainhandel den mexikanischen Kartellen einbrachte, haben das Spiel verändert. Sie versorgten die mexikanischen Gruppen mit riesigen Mengen an Bargeld, um Armeen von Schlagern einzustellen, sie mit Waffen von Militärqualität zu bewaffnen und Beamte auf jeder Regierungsebene zu bestechen. Dieser enorme Reichtum ermöglichte es ihnen auch, das Gewalt- und Regierungsmonopol der Regierung in Frage zu stellen - und an einigen Stellen an sich zu reißen -, als sie ihre Kampagne der "plata o plomo" (Silber [Geld] oder Blei) fortsetzten, um entweder Personen zu bestechen oder Autoritäten zu töten. Und das ist eben die Geburt des Balkanisierungsprozesses in Mexiko.

Die Dynamik im organisierten Verbrechen


Die Mexikaner begnügten sich nicht mehr mit dem Kokain, dass ihnen Medellin und Cali vom Produzenten und größten Drogenkartell der Welt, der marxistischen FARC, lieferten. Sie wollten selber produzieren, stiegen in den Heroinhandel ein und gingen dazu Allianzen mit Hamas und Hisbollah ein, die von Kuba aus in Zentralamerika und Mexiko operieren. Mexikanische Kartelle stiegen auch in die Produktion von synthetischen Drogen ein, da Drogen wie Methamphetamin und Fentanyl ihnen noch höhere Gewinne brachten als Kokain oder Heroin. Viele mexikanische Kartelle waren buchstäblich in Geld getaucht und hatten Mühe, das Geld, das sie verdienten, zu waschen und auszugeben.

Natürlich hat dieses riesige Vermögen Konsequenzen, die über die Aufmerksamkeit der Behörden hinausgehen. Angesichts der riesigen Summen, die auf dem Spiel stehen, sind Geschäftspartner und sogar Familienmitglieder zu eidesstattlichen Feinden geworden, da sie um einen größeren Teil der Gewinne kämpfen. Und sie streiten sich nicht nur um Schmuggelrouten zu externen Märkten, zu denen neben den USA auch Australien und Europa gehören, sondern kämpfen auch erbittert um die Kontrolle des beträchtlichen mexikanischen Drogeneinzelhandelsmarkts in Mexiko-Stadt und Cancún, Tijuana und Juarez. Darüber hinaus kämpfen sie darum, die Kontrolle über den lukrativen Erdöldiebstahl zu erlangen, während sie gleichzeitig Erpressung, Entführung, Prostitution, Menschenschmuggel und andere kriminelle Aktivitäten betreiben.

Und letztlich muss man bedenken, dass sich dieser Balkanisierungsprozess sich nicht nur auf den Staat Mexiko auswirken, sondern auch auf die Kartelle selbst. Es wird neue innere Kämpfe bei Sinaloa und anderen großen Kartelle geben, die sich zu kleineren Gruppen aufspalten. Die Entstehung des Nueva Plaza-Kartells, das sich hauptsächlich aus ehemaligen CJNG-Mitgliedern unter der Leitung von Carlos "El Cholo" Enrique Sanchez Martinez und Erick zusammensetzt, ist dafür ein Beispiel. El 85 "Valencia Salazar hat gezeigt, dass auch er anfällig für Gier und Unfrieden ist.


Tatsächlich wurde der Golfkartellführer Cardenas Guillen der Spitzname "El Mata Amigos" (der Freundemörder) verliehen, weil er sich in dem von Gier getriebenen Kampf gegen die ihm nahestehenden Personen gewandt hatte. Das Ausmaß der Internecine-Konflikte ist jedoch erst seit der Verhaftung von Cardenas Guillen im Jahr 2003 gestiegen. Dies zeigt sich in den jüngsten Mordtendenzen, die zum großen Teil auf Kartellkämpfe sowie Kämpfe zwischen verschiedenen Gruppen zurückzuführen sind.

Auswirkungen auf die mexikanische Wirtschaft

Aufgrund der wirtschaftlichen Kräfte, die im Spiel sind, können und werden Kartellführung und ganze Organisationen aufsteigen und fallen, aber immer wird jemand eingreifen, um die Lücken zu füllen, die die Gefallenen hinterlassen haben, da es einfach zu viel Geld gibt, um den unersättlichen Appetit auf Drogen gibt. Diese Realität hat wiederum verschiedene Auswirkungen auf Unternehmen und Organisationen, die in Mexiko tätig sind.

Erstens stellen diese Bedingungen sicher, dass die Korruption die Betroffenen des Foreign Corrupt Practices Act in den USA und des Bribery Act in Großbritannien weiterhin herausfordert. Der Verstoß gegen eines der beiden Gesetze kann ein Unternehmen weitaus mehr kosten als die Verluste, die sie möglicherweise durch Kriminelle erleiden. Trotzdem überschwemmen mexikanische Regierungsbeamte (insbesondere vonseiten der kommunalen Behörden, Polizei und Zivilbevölkerung) Unternehmen und Organisationen, die im Rahmen ihrer Verfahren der Zustimmung der Regierung bedürfen, und dies, weil ein Lopez Obrador ein auffällig seltsames Desinteresse an der Bekämpfung des organisierten Verbrechens an den Tag legt. Selbstverständlich hat das was mit seinem marxistischen Hintergrund zutun und den Interessen Venezuelas unter Nicolas Maduro, der den AMLO Wahlkampf mit 20 Millionen Dollar unterstützte. AMLO hatte bereits während des Wahlkampfes selbst mehrfach betont, ein besonderes Gewicht auf die Interessen von Caracas zu werfen. Man vergesse nicht, dass Venezuela der letzte Ort war, in dem El Chapo Zuflucht gesucht hatte.

Zweitens besteht ein hohes Risiko, dass Mitarbeiter oder Vermögenswerte des Unternehmens während Kartell-Kartell- oder Kartell--Regierung-Kämpfen Kollateralschäden erleiden, insbesondere da kriminelle Organisationen und die Regierung Waffen von militärischem Rang einsetzen. Und dann droht Erpressung, insbesondere in Fällen, in denen mehr als ein Kartell Forderungen an ein Unternehmen erhebt oder ein Kartell ein Unternehmen angreift, um Erpressungszahlungen an einen Rivalen zu leisten.

Drittens wird die schwere Kartellgewalt die Sicherheitskräfte weiterhin von anderen Aufgaben ablenken, wodurch anderen kriminellen Gruppen mehr Handlungsspielraum eingeräumt wird. Tatsächlich schwor Lopez Obrador, den Kampf gegen das Kartell im letzten Jahr zu entmilitarisieren, was eine einseitige Lehmung der Ordnunsgskräfte bedeutet an das sich kein mexikanisches Kartell gebunden fühlt. Aber AMLOs Programm zeigt, dass seine Ziele zu keinem positiven Ergebnis führen können. Angesichts der zunehmenden Bedrohung durch die Mafia werden Raub, Erpressung, Entführung und Straßenkriminalität durch andere Kriminelle für diejenigen, die in Mexiko leben oder Mexiko besuchen, ein hartnäckiges und ernstes Problem darstellen.

Leider ist unter AMLO kein Szenario vorstellbar, in dem die Gewalt in Mexiko in naher Zukunft erheblich abnehmen wird. Die weltweite Nachfrage nach Drogen lässt nicht nach, was bedeutet, dass das Geld weiterhin in die Kartelle fließen wird, sodass ihre Führer ihre Armeen finanzieren und Bestechungsgelder zahlen können. Das bedeutet Ärger für in Mexiko tätige Unternehmen und Organisationen - ganz zu schweigen vom Land und seinen Einwohnern.


Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die sozialistische Bewegung zerstört werden muss!

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