Dienstag, 14. Mai 2019

Warum scheitern Putsche, wie in Venezuela und Türkei?

Der venezolanische Widerstandskämpfer Oscar Perez.

Kurz und knapp gesagt, aufgrund mangelnder Vorbereitung. Insbesondere beim Putschversuch in der Türkei 2016, als auch der jüngste Versuch in Venezuela, machten dies wieder einmal klar. Obwohl jeder Szenerie für sich genommen einzigartige Umstände und Gründe aufweist, die für das Scheitern verantwortlich heranzuführen sind. Doch selbst elaborierte Putschversuche, die mit strategischer Tiefe geplant wurden, wie zum Beispiel Operation Walküre, haben gezeigt, dass manchmal unberechenbare Faktoren den Erfolg verhindern.


Die Umstände zum Putsch


Eine sehr wichtige Voraussetzung ist die Unterstützung einiger wichtiger Eliten zu haben, egal ob bereits im Vorfeld arrangiert oder spontan im Moment des eigentlichen Putschversuches, weil sich einige Eliten auf die Seite der Putschisten schlagen. Weder in Venezuela, noch damals in der Türkei erfolgte dies. Und wie wir in Venezuela sahen, nutzt die tatkräftige Unterstützung des Volkes wenig bis gar nichts, ohne die entsprechenden Eliten. 

Ohne die entsprechenden Kontakte und Einfluss, ist es nahezu unmöglich, dass die Putschisten erreichen, dass sich das Oberkommando der Streitkräfte auf ihre Seite stellt oder sich zumindest still verhält. Es gibt sowohl länderspezifische Variablen zu bedenken, als auch das Verhalten von Nachbarstaaten: Werden sie die Putschregierung anerkennen oder boykottieren? Werden Nachbarstaaten militärisch intervenieren? Wenn ja, mit welcher Absicht?

Ein weiterer Umstand ist die Geheimhaltung. Je mehr Personen eingeweiht werden, desto eher das Risiko des Verrates. Diese Situation der Unsicherheit, kann für die Verschwörer eine enorme Belastung sein und zu Fehlentscheidungen führen.



Zur Situation in Venezuela April/Mai 2019


Der Fall Venezuela zeigte recht deutlich, dass der Aufstand, von einigen Patrioten aus den Reihen von Militär und Polizei, nicht ausreicht, wenn die Unterstützung von Teilen der Eliten eines Volkes fehlt, selbst wenn das Volk selbst die Aufständischen unterstützt. Der Fall Oscar Perez ist dafür ein Beispiel.

Am vergangenen 30. April forderte der venezolanische Interimspräsident Juan Guaido, das Militär auf, sich ihm anzuschließen und sich gegen den Herrschaftsapparat des roten Diktators Nicolas Maduro zu erheben. Die Anhängerschaft des Diktators trompete, im Einklang mit den Medien der internationalen Linken (in Deutschland bitte den gleichlautenden Tenor der "Opposition", der völkischen Linken, beachten), umgehend von einem Putsch. 

Wie wir sehen konnten, begaben sich Teile des Volkes in Caracas auf die Straße, um die Beseitigung der sozialistischen Diktatur zu unterstützen. Doch das Ziel, die Moskauer Marionetten zu beseitigen, wurde nicht erreicht. Auch das venezolanische Militär erhob sich nicht in seiner Gesamtheit, weil das Oberkommando sich nicht auf die Seite von Präsident Guaido stellte. Warum? 


Die venezolanische Generalität


Angefangen mit Hugo Chavez und vergleichbar in Deutschland unter Angela Merkel, wurde in die Position der Generalität handverlesener Personen gehievt, die durch Privilegien verhätschelt wurden und sich damit deren Treue dem Regime gegenüber versicherten. Das heißt, dass man hier auf die Unzufriedenheit der nachrückenden Führung bauen muss, die sich vom Verleih der Privilegien übergangen fühlt, bzw. der Meinung ist, dass Minderkapazitierte bei den Beförderungen bevorzugt wurden. Erfahrungsgemäß ist gerade das letztere Recht häufig anzutreffen. Das heißt, in den Rängen der Obristen, Majore und Hauptmänner muss die Unzufriedenheit genutzt werden. Bei besonders einflussreichen aber frustrierten Obristen genügt oftmals das Versprechen auf die Beförderung in die Generalität, denn logischerweise müssen die Generäle, die das Regime unterstützten weg und damit gibt es neue Posten zu vergeben. 

Auf der anderen Seite reicht das Alimentieren der Generalität nicht immer aus, um sich der Loyalität der Generäle sicher zu sein. Der Fall Generalmajor Miguel Rodríguez Torres zeigt das recht deutlich. Nur darf man in diesem speziellen Fall nicht vergessen, dass dieser oppositionelle Rodríguez als Innenminister die ersten Konzentrationslager einrichten ließ. Darf man jemandem wie ihm Amnestie gewähren? Doch es gibt andere positive Beispiele, für sich widersetzende Generäle, wie General a. D. Antonio Rivero. Die selbstverständlich möglich schnell ihrer Funktionen enthoben werden.

Ein anderer Grund ist die Angst im venezolanischen Generalstab. Anfänglicher Enthusiasmus, ausgelöst von der Droge Ideologie (in diesem Fall "demokratischer Sozialismus"), ist bei vielen verflogen, doch sie unterstützen keinen Putsch, da sie wissen, dass es weitere ausländische Kräfte gibt, die die Souveränität Venezuelas längst untergraben haben. In erster Linie meint es das Militär von Russland, Rot China und Kuba, die Geheimdienste und Staatssicherheit kontrollieren und die Führungskräfte des Landes streng überwachen.

Dies sind die Gründe, warum die Generalität dem Aufruf von Juan Guaido nicht nachkam, obwohl ein Regimewechsel überfällig ist. Hätten sie es getan, wäre Russland, China und Kuba entweder gezwungen gewesen sich aus Venezuela zurückzuziehen (unwahrscheinliche Option) oder ihre Maske fallen zu lassen und die Diktatur mit ihren ausländischen Truppen und gegen das venezolanische Militär verteidigen zu müssen (wahrscheinliche Option). Das internationale Bild über die Machtverhältnisse in der karibischen Despotie wären natürlich genauso eindeutig wie verheerend, sodass die allgemeine Unterstützung einer ausländischen Militärintervention sicher gewesen wäre. Doch da die Generalität offenbar sehr paralysiert ist, wurde die innenpolitische Situation extrem verschlimmert.


Aktion nicht Ausharren


Als Guaido vor zwei Wochen mit uniformierten Nationalgardisten auftauchte und die letzte Phase der "Operacion Libertad" (Operation Freiheit) ankündigte, folgte ein Tag des Wartens. Die Welt wartete auf den nächsten Schritt von Guaido und dieser wartete darauf, dass andere die notwendigen Schritte unternehmen, die seine Ankündigungen wahr machen. So geht das allerdings nicht! Und darum änderte sich in der politischen Führung von Venezuela nichts. Guaido selbst hätte die Kontakte machen und Weichen stellen müssen, insbesondere da er das planende Kopf sein sollte. Es reicht eben nicht aus zu sagen, ich stürze jetzt die Regierung, sondern man muss es auch tun und dafür ist ein detailliert ausgearbeiteter Plan notwendig, der bereits vorsieht, wie es nach dem eventuell erfolgreichen Umsturz weitergeht. Es dürfen da keine Pausen entstehen, weil das dem Feind die Chance der Neugruppierung gibt.

Als die Gruppe von Soldaten der Nationalgarde, die Guaido unterstützte, Maschinengewehrstellungen auf einer Autobahnbrücke in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts La Carlota in Caracas aufstellte, zeigte das nur das chaotische Vorgehen von Guaido. 


Ähnlichkeiten zur Türkei


Erstaunlicherweise erinnert dies alles an die Ereignisse vom 15. Juli 2016, als ein Putschversuch in der Türkei Recep Tayyip Erdogan entmachten sollte. Soldaten errichteten Straßensperren auf einer Brücke, auch wenn diese den Bosporus in Istanbul überspannt. Obwohl dieser Versuch, die Regierung zu stürzen, letztendlich auch gescheitert ist, hat er sich ganz anders entwickelt. Was wir über die Organisation der Verschwörung in der Türkei erfahren haben und wie das im Vergleich zur Situation in Venezuela ist, gibt einen Einblick in die Natur von Staatsstreichen.

In der Türkei war das Scheitern des Putsches eng mit den Akteuren verbunden, die ihn durchführten - eine islamistische Minderheitsfraktion innerhalb des traditionell säkularistischen türkischen Militärs, die ursprünglich Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung unterstützt hatten. Der Putschversuch konnte weder säkularisierte Militärs überzeugen, noch jene die aus anderen Gründen oppositionell zu Erdogan waren. Die strikt interne Dynamik des türkischen Putschversuchs machte die Vorhersage des endgültigen Niedergangs einfacher als die Situation in Venezuela, wo erheblich mehr Variablen, einschließlich ausländischer Einflüsse, berücksichtigt werden müssen.


Venezuelas Variablen


Bei der Untersuchung der politischen Lage Venezuelas sind unter anderem Fragen zu stellen, nach der Rolle der kubanischen Sicherheitsdienste, nach der Möglichkeit einer russischen und chinesischen Beteiligung, um einer möglichen US-Militärintervention entgegenzuwirken, und auch welche Rolle regionale Mächte wie Kolumbien und Brasilien spielen könnten. Ebenfalls in der Mischung enthalten sind die erheblichen internen Hürden, die Guaido überwinden muss, um einen erfolgreichen Putsch in Venezuela anzustoßen. Die größten sind die Fragen bezüglich Amnestie und möglicher Auslieferung von Militäroffizieren. Dies könnte die Unterstützung von Generälen sichern, wenn sie im Gegenzug Amnestie erhalten. Allerdings auch, beim gewähren, Unmut im Volk erzeugen. Guaidos Versäumnis zu garantieren, dass diejenigen, die die Seite wechseln, um ihn zu unterstützen, später nicht zum Ziel von Korruptionsvorwürfen oder Auslieferungen an die Vereinigten Staaten werden, hat ein Handlungshindernis geschaffen.


Unentschlossenheit führt zum Scheitern


Basierend auf der Beobachtung der Ereignisse in Venezuela - und unter der Annahme, dass die Berichte in den lokalen Medien und im offiziellen US-amerikanischen Bericht zutreffend sind - war es genau das Fehlen von diesen Maßnahmen gegenüber Militärführern, die zugestimmt hatten, ihre Unterstützung hinter Guaido zu stellen, was seinen Putsch scheitern ließ. Bis zu einem gewissen Grad zeigten die Maßnahmen, die zu Beginn des gescheiterten türkischen Putsches ergriffen wurden, ein ähnliches Rätsel. Obwohl Dissidententruppen die Straßen von Ankara und Istanbul überfluteten und wichtige Infrastruktur- und Kommunikationskanäle erfolgreich besetzten, zeigten spätere Berichte über die unter den Verschwörern ausgetauschten Botschaften eine ähnliche Zurückhaltung. In den frühen Morgenstunden des türkischen Putsches, als einige Kommandeure arbeiteten, um ihre Truppen zur Teilnahme zu überreden, suchten andere die Gewissheit, dass ihre Mitverschwörer den Plan tatsächlich ausführten.

Bei der Betrachtung, was Putsche erfolgreich macht oder scheitern lässt, kommt es häufig auf die individuelle Psychologie an. Ein Element menschlicher Emotionen und persönlichen Urteilsvermögens spielt eine wichtige Rolle bei der Organisation eines Putsches, und die Einsätze, die Putschversuche für ihre Organisatoren so tückisch machen, machen es für Analysten unglaublich schwierig, ihre Ergebnisse vorherzusagen. Aus der Perspektive der geopolitischen Analyse ist das Verständnis globaler Ereignisse auf mechanischer Ebene - basierend auf der Funktionsweise von Systemen, ob hierarchischen Strukturen, Zuständen oder ganzen Populationen - viel einfacher als die Berechnung der möglichen Reaktionen einzelner Personen. Ein Putsch, der per Definition eine Handlungsweise ist, die vom normalen Betrieb eines Systems abweicht, ist ein unkalkulierbarer Vorgang, da sein Ergebnis in hohem Maße von einzelnen Handlungen abhängt.


Individuelle Psychologie


Solch ein scheinbar einfacher Umstand birgt eine Fülle von Konsequenzen. An und für sich misst die Frage das Maß an Überzeugung oder Loyalität eines potenziellen Mitverschwörers, liefert aber für alle praktischen Zwecke auch einen Einblick in dessen Wahrnehmung der Erfolgsaussichten eines Staatsstreichs. Unabhängig davon, für welche Seite sich ein Offizier entscheidet, würde der Umstand, dass er auf der verlierenden Seite eines Putsches landet, zumindest düstere Karriereaussichten mit sich bringen. Natürlich könnten Teilnehmer auf der Verliererseite leicht in einer Gefängniszelle landen oder sogar tot sein. Diese klare Entscheidung bedeutet, dass für die venezolanischen und türkischen Kommandeure die Entscheidung, an einem Putschversuch teilzunehmen, mehr von ihren Erwartungen an den Erfolg als von ihren eigenen ideologischen Motivationen abhängt. Die ziemlich einfache Frage ist also, wo die Gedankenspiele beginnen.

Die Organisatoren eines Staatsstreichs möchten verhindern, dass die Verschwörung entdeckt wird, bis der Zeitpunkt für die Umsetzung gekommen ist. In der türkischen Verschwörung war zum Beispiel nur eine ausgewählte Gruppe von Kommandeuren im Plan eingeweiht. Als der Tag des Putsches kam, bestand ihre erste Mission darin, ihre Untergebenen davon zu überzeugen, an Bord zu kommen. Um eine ausreichende Betriebssicherheit in einem Putschversuch zu erreichen, können Sie den gesamten Plan nicht mit allen Beteiligten teilen oder ihn sogar offen diskutieren, um das Vertrauen in den Erfolg der Teilnehmer zu stärken. Diejenigen, die sich dem Beitritt nähern, würden wahrscheinlich nicht einmal erfahren, wer noch beteiligt ist. Dieser Notwendige Schritt der Geheimhaltung fördert die Unsicherheit oder Verdacht Opfer einer Intrige zu werden. Die notwendige Begrenzung der verfügbaren Informationen bedeutet, dass die zur Teilnahme eingeladenen Personen im Wesentlichen aufgefordert werden, einen Vertrauenssprung zu machen. Die Leute müssen ihr Schicksal auf der Grundlage ihres persönlichen Vertrauens in diejenigen legen, die versuchen, sie zu überzeugen.


Kommandeure, die nicht nur vertrauen, sondern auch überlegen, ob sie nach dem Beginn eines Militärputsches handeln sollen, stützen sich eher auf die beobachteten Aktionen anderer. Auf diese Weise kann der eigentliche Anstoß eines Putsches mit einem emotionalen Akt verglichen werden. In der Türkei wurde dieses Spiel in Form von Fragen von Kommandeuren wiedergespielt, die fragten: "Wo ist diese und jene Einheit? Kommen sie noch?" oder "Sind Sie sicher, dass sie ihre Basis verlassen haben?" In Venezuela wurde das Ergebnis dieses Spiels durch die Beobachtung der Unentschlossenheit von Guaidos Protestgruppe deutlich. Ihr Zögern schien dem zu ähneln, das jemand zeigte, der einen Freund erwartet, der nie auftaucht. Niemand möchte den Punkt der Nichtrückkehr passieren, es sei denn, er sieht andere, die sich ihm anschließen, aber das bedeutet, dass jemand den ersten Schritt machen muss. Und das wäre Guaidos Aufgabe gewesen. Die Eskorte der Nationalgarde war möglicherweise dazu gedacht, die Wahrnehmung zu verstärken, dass einige Streitkräfte diese Grenze des Verharren überschritten hatten, um sich ihnen anzuschließen, aber ihre Anzahl war wahrscheinlich zu gering, um ein Bild von breiter Unterstützung zu projizieren. Während sich ein Putschversuch abspielt, beobachten alle Beteiligten die Aktionen anderer, insbesondere wenn Ungewissheit über die Höhe der Unterstützung besteht. Wenn die Stunden vergehen, in denen kaum etwas unternommen wird, wird es wahrscheinlicher, dass sich die zuschauenden und abwartenden Leute dazu entschließen, so zu tun, als ob nichts passiert. 

Nach dem Scheitern sinken die Erfolgsaussischten neuer Unternehmungen


Aber sobald ein Putschversuch fehlschlägt, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiterer Versuch unternommen wird, da jeder Misserfolg das Risiko für ein Follow-up exponentiell erhöht. Das gebrochene Vertrauen der an der Verschwörung Beteiligten wird schwer wiederherzustellen sein, vorausgesetzt, dass sie nicht später vom Regime beseitigt werden, das die Bedrohung überlebt. Darüber hinaus wird die Rekrutierung neuer Verschwörer schwieriger. Darüber hinaus würde eine stärkere Sensibilisierung und Vorsicht innerhalb des Regimes die Aufrechterhaltung der Betriebsamkeit künftiger Putschisten wahrscheinlich erschweren.

Obwohl bei dem türkischen Putschversuch eine Reihe von Befehlshabern und Einheiten den Sprung in den Glauben wagten, blieben sie hinter der kritischen Masse zurück, die zum Sturz der Regierung erforderlich war. Und die Maßnahmen der Regierung, die nach dem Scheitern folgten, stellten praktisch sicher, dass keine zukünftigen Maßnahmen ernsthaft in Betracht gezogen werden können. Während die Beteiligung am Militäraufstand in Venezuela vernachlässigbar war und es noch keine nennenswerten Razzien gegen mögliche Verschwörer in den Reihen des Militärs gab, wirft das Scheitern von Guaidos Versuch die gleichen Zweifel über das Potenzial seines zukünftigen Erfolgs auf.

Als außergewöhnliches Ereignis nutzen Putschversuche eine außergewöhnliche Dynamik. Angesichts der immensen Herausforderungen bei der erfolgreichen Organisation und Durchführung eines erzwungenen Regierungswechsels erweist es sich als unmöglich, die Bedingungen wiederherzustellen, die häufig zum Erfolg führen könnten.



Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die sozialistische Bewegung zerstört werden muss!

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