Sonntag, 16. August 2015

Leserbrief an Kalonymos-Redaktion des Salomon Ludwig Steinheim-Istitute an der Universität-Essen

Sehr geehrte Redaktion von Kalonymos, Guten Tag und Shalom,

In dem Jahr, das ich nun hier in Deutschland zurück bin, habe ich durch Zufall ihre Ausgaben gefunden und mit wachsenden Interesse verfolgt. Das Heft 1 des Jahres 2015 hat mich nun auch soweit bewegt einmal meine eigene Sicht zu einem Thema darzulegen. Es handelt sich besonders um die Beiträge Parlamentarisches Engagement deutscher Juden im 19. und 20. Jahrhundert von Ursula Reuter und Tragische Nähe, historische Ferne? - Martin Luther und die Juden: Neue Bücher von Peter von Osten-Sacken. Thematisch sind beide Texte ja verwandt, wenn auch temporal versetzt. Besonders der Text von Frau Reuter hat mich nun inspiriert, da er just von der Zeit handelt, auf die nachfolgende ich mich konzentrierte und meine Ansichten im Buch: Antisemitismus politisch korrekt 1. Teil Wenn der Sozi vom Zionisten spricht (ISBN-10: 1514331519 / ISBN-13: 978-1514331514) niederlegte.

Freilich ist eine Seite nicht ausreichend dieses Thema erschöpfend zu erklären, aber dennoch hatte die Emanzipation der deutschen Juden einige weitere Aspekte, die man meineserachtens nicht so unter den Tisch fallen lassen kann.

Zu erst einmal sprechen wir nicht von einer Zeit (19./20. Jh.)) die nur die Emanzipation der Juden betraf. Frau Reuters bemerkt „zunächst nur männlichen … jüdischen Bevölkerung“. Gesellschaftlich war das nicht auf die Deutschen mit jüdischen Glauben beschränkt, sondern ein generelles Problem von Männern und Frauen. Frauen durften beispielsweise generell erst seit November 1918 in Österreich und Januar 1919 in Deutschland wählen.
Und damit fällt der Prozess der jüdischen Emanzipation zusammen mit einer generellen Emanzipation der Bevölkerung gegen den deutschen Adel. Die Leibeigenschaft wurde in Österreich erst 1848 komplett aufgehoben, in Preußen war sie schon 1810 gänzlich aufgehoben worden. (Sachsen 1832, Hannover 1833).
Die Unruhen in Deutschland 1848/49 sind da nicht zu vergessen, die Märzrevolutionen waren lediglich die Höhepunkte. Das Bürgertum erhob sich gegen den Adel, also eine Minderheit die das Volk unterdrückte. Und das zwang diese Machtelite zu Reformen und Demokratisierung. Die Badische Volksversammlung (27. Februar 1848) formuliert es: 
konstitutionelle Verfassung, Aufhebung von feudalen Beschränkungen und Abgaben, der Pressezensur. Volksbewaffnung, Redefreiheit, politische Gleichstellung aller, Amnestie für politische Straftäter.

Die Gleichstellung betraf erstmals alle (männliche) Bevölkerung. Die Religion spielte da keine Rolle.

Antisemitismus ist natürlich ein sehr gebräuchliches Mittel in der Politik. Und ich denke wir sind uns dahingehend einig, das wir dazu nicht erst auf die NSDAP sehen müssen. Auch während der Französischen Revolution kannte und nutzte man das und macht Antisemitismus zu einem fundamentalen Mittel der Agitation, auch der politischen Linken. Das ist z. B. nachzuvollziehen im Fall von Edouard Drumont der mit dem Buch La France Juive, 1886, als der erste antisemitische Autor der Moderne gilt. Er gehörte zur französischen Linken. Ganz zu schweigen von Äußerungen Karl Marx und anderen Demagogen. Es gilt auch nicht zu vergessen, das es nicht die NSDAP war, die den Sozialismus und Kommunismus mit den Juden in Verbindung brachten. Es waren diese selbst! Man verfolge das grausame Vorgehen der Bolschiwiki, Pogromen in der Ukraine und Stalins Säuberungen in der eigenen kommunistischen Partei, dessen prominentester jüdischer Vertreter Leo Trotzki noch bis ins Exil verfolgt wurde. 
Natürlich muss immer unterschieden werden ob man von Abstammungsjude spricht oder einem gläubigen Juden. Doch ich schätze das selbst ein Abstammungsjude sich auf irgendeine Weise dennoch mit einer jüdischen Gemeinde identifiziert. Sei es nun in einer positiven oder negativen Weise.
Was ich an einem konkreten Beispiel erläutern möchte. So erwähnt Frau Reuter die Ermordung von Kurt Eisner im Jahre 1919. Sein Mörder Anton Graf von Arco auf Valley war der Sohn der Jüdin Emmy Freiin von Oppenheim. Er selbst sah sich monarchistisch und verabscheute Juden, er sah die Sozialdemokratie als von Juden verseucht an. Man denke dabei jedoch an die Säuberungswellen von Stalin, der zwar kein Monarchist war (obgleich er sich feudalistisch feiern ließ), allerdings mit seiner Entfernung von Juden aus der kommunistischen Partei, praktisch in Taten die selben Ansichten bekundete. Die Moskauer Ärzteverschwörung sei hier kurz als Beispiel genannt. Die antisemitischen Klischees waren dabei identisch mit denen der NSDAP.

Der Antisemitismus nimmt zu in Zeiten der Radikalisierung und Instabilität. Es war ein immer leichtes Mittel dafür um Ablenkung zu schaffen. Die Monarchisten bedienten sich des Antisemitismus, um den Zorn des Volkes vom Adel abzulenken. Die Linken, um über den wahren Verursacher von Korruption und illegitimer Bereicherung zu verwirren. 
Der Antisemitismus, als politische Waffe, dient also, ob Rechts oder Links, einer kriminellen Machtclique, um ihre Mafiösen Strukturen zu verschleiern.
So sagte einer der schlimmsten Antisemiten vor dem Dritten Reich Karl Lueger (1844-1910), der selbst Freundschaften privat mit Juden pflegte:
Ja, wissen S', der Antisemitismus is' a sehr gutes Agitationsmittel, um in der Politik hinaufzukommen; wenn man aber amal oben ist, kann man ihn nimmer brauchen, denn dös i[s'] a Pöbelsport!“ (Alexander Spitzmüller: Und hat auch Ursach, es zu leben. Frick, 1955, S. 74) 
Trotzdem darf man das nicht beschönigen. Er sagte von Edouard Drumont beeinflusst zu sein. Doch nur weil er nicht ernst nahm was er sagte, muss man doch eingestehen, das Lueger ein geistiger Brandstifter war, der, auch wenn er Auschwitz nicht voraussehen konnte, so doch eines der Steine ist, die die Straße dorthin pflastern.

Freilich erinnert sich Deutschlands Linke gern an die jüdische Herkunft von Rosa Luxemburg. Und der vielen jüdischen Politiker die „häufig politisch weiter links“ (Ursula Reuter) standen. 
Naja, wer nicht gerade letzte Nacht geboren wurde, durchschaut freilich die dahinter sich verbergende Absicht, sich vom Makel des Antisemitismus zu befreien. Das Rosa Luxemburg sich nicht sonderlich für die jüdische Gemeinde interessiert hat, sollte dabei ins Gewicht fallen. 
Ich nehme mir also mal die Freiheit zu bezweifeln, das Rosa Luxemburg sich als Jüdin verstand und identifizierte. Meineserachtens nach unmöglich für Kommunisten. 
Wer freilich sagt, das sie aufgrund ihrer jüdischen Eltern eine Jüdin war, hat damit ebenso Recht, es ist ein Standpunkt den man Teilen kann. Ich hingegen möchte es lieber nicht, denn es ist der Standpunkt der Nürnberger Rassegesetze.
Der sozialistische oder kommunistische Politiker mit jüdischer Abstammung, wird nur allzu gern als Alibijude verwendet, um hinter seinem Antizionismus einen Antisemitismus zu verbergen. Eine jüdische Gemeinde, die sich jüdisch identifiziert, hat keinen Platz im Kommunismus. Ich denke das haben schon Karl Marx und Friedrich Engels deutlich gesagt, ich möchte deren Proto-Nazitum nicht wiederholen müssen.

Doch um auch hier meine Aussage zu verdeutlichen: Die DDR zelebrierte das Gedenken am Tode von Rosa Luxemburg jedes Jahr.
Doch erinnere ich daran, dass (im Zuge einer „zionistischen Weltverschwörung“ 1953, jawohl 1953 das ist kein Schreibfehler der 1943 meinte, die den ganzen Ostblock ergriff) Julius Meyer zusammen mit Heinz Galinski, die Evakuierung des größten Teils aller Juden der DDR nach West-Berlin organisierte. Eine Tat für die man Julius Meyer, als auch Heinz Galinski, und all die anderen vielen Helfer feiern sollte. Das wird aber nicht getan, um die trügerische Idylle aufrecht zu erhalten, dass die deutsche Linke ein Freund des Juden ist. Freilich ist es leicht danach zu behaupten, das es in der DDR kein Antisemitismus Problem gebe. Welch Kunststück da die Juden flohen. Wären die Juden vor Hitler geflohen hätte es auch keinen Holocaust gegeben. Eine etwas blauäugige Ideologie, nicht wahr?
Dieser Antisemitismus der deutschen Linken existierte auch ohne Stalin.

Ich verweise darauf das es eine umfangreiche Untersuchung des Simon Wiesental Institutes gibt, das sich allein mit den Medien in der DDR befasst und den Antizionismus als eins zu eins Umsetzung der Goebbels-Propaganda entlarvt.
In der DDR-Presse wurden Juden als sehr heimtückisch beschrieben, die Antisemitismus vortäuschen, in dem sie selbst ihre Synagogen anzündeten. Wie Hitler sprachen sie von einer Weltverschwörung der jüdischen Hochfinanz.
Damit wird gesagt, dass die Juden sogar schlimmer sind als die amerikanischen Imperialisten, zu denen der Präsident der Vereinigten Staaten in der sozialistischen Lesart ohne Fragen an führender Stelle zählte; was müssen also das für Juden sein, wenn nicht einmal der mächtigste Feind des Kommunismus mit ihnen fertig wird? Schließlich geht es um viel:
Mit Hilfe des großen Netzes seiner Organisationen in verschiedenen Ländern um mit finanzieller Unterstützung des Monopolkapitals wirkt der Zionismus heute als direktes Werkzeug des Imperialismus und der gesamten internationalen Reaktion in deren globalem Kampf gegen die Kräfte des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus.“(Ashour, Ali: Ein Werkzeug der internationalen Reaktion, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Berlin 1986, 150, 3/86, S. 428) Der Jude, wenn er sich als ein solcher Identifiziert, wird als das Basisproblem für Sozialismus und Frieden angesehen. Erklären Sie mir bitte mal den Unterschied zum Antisemitismus des Dritten Reiches!

Besonders heftige Definitionen folgten:
Unter Zionismus verstehen wir heute die chauvinistische Ideologie und reaktionäre Praxis der jüdischen Großbourgeoisie, ihrer Finanz-Industrie-Oligarchie mit ihren Machtzentren in den USA, in Westeuropa und in Israel … Der zionistische ‘Philosoph’ (Anführungszeichen sic!) Buber schuf die rassistische ‘Bluttheorie’ nach der alle Juden der Welt aufgrund ihrer angeblich ‘rassischen Bestimmung’ als ‘auserwählt’ zu gelten hätten, was in der Praxis bedeutet, dass Juden unter allen Völkern der Welt – gemäß göttlicher Vorsehung – eine Vormachtstellung einnehmen müssten.“ (J.C., Vormachtstreben – auch mit der „eisernen Faust“, in: Ostseezeitung, 9.1.1985)
...und werden im Nachsatz „Es muss jedoch betont werden, dass nicht alle Juden zugleich auch Zionisten sind.“ wieder eingeschränkt.
Gerade diese Relativierung hat es in sich: „Nicht alle“ bedeutet im Kontext eindeutig, dass die Mehrheit der Juden die internationalen Blutsauger sind; „zugleich“ muss wohl so gelesen werden, dass es eine Veranlagung des Juden zum Zionisten und also zum weltweiten Ausbeuter gibt. Der Jude ist also nur gut, wenn er sich nicht als Jude identifiziert, sondern zum Marxismus bekennt, was eine Jüdische Identität also kategorisch ausschließt. Das wiederum würde Rosa Luxemburg gewiss freuen.
Natürlich bedienen sich die Zionisten aller denkbar schlechten Methoden gemäß der Intellektuellen Aufklärung der fortschrittlichen linken Kräfte: „Hetze der Zionisten entlarvt“, (in: Neues Deutschland, 21.2.1971) „Zionisten säen Völkerzwist“, (in: Neues Deutschland, 25.2.1971) „Zionistische Schläger und Mafia-Gangster“, (in: Berliner Zeitung, 10.11.1972) „Es begann mit einem Lynchmord“, (in: horizont, 18. April 1971) „Die zionistischen Hexenköche“, (in: Unsere Zeit, 20.2.1971) „Sie drillen eine neue Herrenrasse“, (in: Presse der Sowjetunion, Hefte 45, 17.2.1971) „Hintermänner des Zionismus: Gangsterbosse und Börsenmagnaten“, (in: Presse der Sowjetunion, Hefte 45, 1.2.1971) natürlich wird diese Art der "Berichterstattung“ verteidigt: „Untaugliche Versuche, Antizionismus als Antisemitismus zu diffamieren“, (in: Die Wahrheit, 1.3.1984) natürlich werden Juden herangezogen (So etwa in Die Wahrheit, am 9.12.1975: „Wie ist das mit dem jüdischen Problem?“) in dem Beitrag schreibt eine anonyme Jüdin, eine angebliche „Leserin unserer Zeitung“:
Wie wesensnah der Zionismus dem Rassismus und Faschismus ist, beweist, dass der Staat Israel zu Südafrika und zu Chile beste Beziehungen unterhält.“ und jüdische Kommunisten („Kampf des Zionismus ist Klassenkampf“ Meier Vilner, Chef der israelischen KP, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, 1/76, S. 61 ff.)

Aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen versichern, dass ich, obwohl gerade einmal 1 Jahr in Deutschland, seit 8 Monaten Morddrohungen unter schmückendem Beiwerk, wie so netten Betitelungen, wie "verdammtes Zionisteschwein" oder "dreckiger Jude"  bekomme. Sie schließen die Ermordung meiner Frau und meines siebenjährigen Kindes gleich mit ein. Die Drohungen habe ich wiederholt zur Anzeige gebracht. Und die Urheber kommen aus den Reihen von Die Grünen, Die Linke und einer kriminellen Vereinigung, die sich als die sogenannte Antifa bezeichnet. So nämlich geht es jedem der es wagt, die Harmonie zwischen Juden und deutscher Linken anzuzweifeln.

Die Jüdische Rundschau (vom 2. April 2015 – 13 NISAN 5775) brachte einen sehr offenbarenden Artikel von Monika Winter. So wurden in Frankreich 250 Gräber und ein Holocaustdenkmal von Angehörigen der Antifa zerstört, die nach Polizei Angaben "aus guten Hause" stammten. Ich bemühte mich um französische Angaben und wollte den Artikel in Deutschen Medien verfolgen. Doch höre und staune, linksorientierte Medien berichteten nichts. Außer ein Artikel in der taz, allerdings war da kein Wort von Antifa, nur die Aussage: "ein antisemitisches Motiv konnte nicht festgestellt werden". Aber Hallo? Jugendliche "aus gutem Hause" zerstören 250 jüdische Gräber? Meine Frage (Wann denn für die taz ein antisemitisches Motiv vorliegt) wurde nie beantwortet, meine Anrufe dann später ignoriert.ö Aber ich kann es Ihnen verraten, das antisemitische Motiv ist nur dann gegen, wenn es dem deutschen Linken als politischen Mittel dient. 
Noch unterhaltsamer war hingegen meine Anfrage bei der Antifa, die mir tatsächlich antwortete mit: "Geh nach Auschwitz, Judensau!"

Das Problem ist, wie damit bereits angedeutet, auch nicht auf Ostdeutsche Linke zu begrenzen, wie ich in zahlreichen Beispielen bereits aufzeichnete, aber das würde den Rahmen hier sprengen. Es gibt aktuell sehr viele Aktionen und Aussagen von linken Politikern, die sehr bedenklich sind.

Was denkt denn ein in Deutschland lebender Jude, wenn 80 Jahre nach Auschwitz deutsche Sozialisten zum Boykott israelischer Waren aufrufen? „Die Reden ja von Zionisten, das ist was anderes?“ Ich glaube doch wohl nicht, oder?
Wenn der deutsche Linke vom „guten Juden“ redet, dann meint er einen Juden der sich nicht als solcher identifiziert. Jeder religiöse Jude ist per se der zionistischen Weltverschwörung zumindest verdächtig, wenn nicht gar überführt.

Nein, meine werten Damen und Herren, das Problem des Antisemitismus ist etwas anders begründet, als es die idealisierte Geschichtsklitterung uns weiss machen möchte. Und wir werden es nie in den Griff bekommen, wenn wir aus opportunistischen Motiven heraus vorziehen zu Schweigen und dem Marxismus die Füsse küssen.

Besonders in Zeiten der Radikalisierung ist Antisemitismus ein sehr leichtes Mittel die Schichten des Bildungsfernenbürgertums zu dirigieren.

Aber nun gut, es gibt zu dem Thema viel zu sagen. Und mit vier Seiten bin ich für einen Brief schon etwas lang ausgefallen. Ich wünsche Ihnen dennoch alles Gute, auch wenn es manchen nicht gefällt, was ich zu sagen habe.


Mit freundlichen Grüßen,

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